G e d a n k e n s t r i c h e





   E. M. Cioran   [1911 - 1995]   
   rumänischer Essayist
Emile Michel Cioran

* 8. 4. 1911 Rasinari
ab 1937 in Frankreich
† 20. 6. 1995 Paris
worte, die gedanken fliegen lassen, haben mich schon immer fasziniert.
und E. M. Cioran ist ein meister der flugkunst. ein skeptiker. ein kritiker.
er stellt fragen. nach deinem gott. nach deiner existenz. er stellt in frage.
die antworten gibst du selbst.
"nur die oberflächlichen geister gehen zartfühlend an eine idee heran."
in diesem kleinen satz liegt für mich das wesen des kritischen denkens.
eine gute idee - nehmen wir deine vorstellung von gott - muss einer
kritischen auseinandersetzung standhalten. was wäre sie sonst auch wert ?
stell dich cioran's fragen. flieg über dächer und durch wolken.
oder bleib am boden festgekettet. fest gemauert in der erden.

meine kleine cioran-bibliothek umfasst vier seiner werke:

syllogismen der bitterkeit   [1952, dt. 1980 bei suhrkamp st 607]
die verfehlte schöpfung   [1969, dt. 1979 bei suhrkamp st 550]
vom nachteil, geboren zu sein   [1973, dt. 1979 bei suhrkamp st 549]
gevierteilt   [1979, dt. 1991 bei suhrkamp st 1838]

ich kann sie dir nur wärmstens ans herz legen.

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»Man kann nicht nachdenken und bescheiden sein. Sobald der Geist sich in Bewegung setzt, nimmt er den Platz Gottes und alles sonstigen ein. Er ist Indiskretion, Übergriff, Profanierung. Er >arbeitet< nicht, er zersetzt. die spannung, die sein vorgehen verrät, beweist brutalität und unerbittlichkeit. ohne eine kräftige dosis grausamkeit könnte man keinen einzigen gedanken zu ende führen.« dieses bekenntnis ciorans - das bekenntnis zur destruktivität des geistes - könnte man ohne weiteres als motto über die hier versammelten gedanken und aphorismen setzen. unter ciorans philosophenhammer bleibt nichts heil. in einer manier, die manchmal an nietzsches und georges batailles intellektuelle unnachsichtigkeit gemahnt, verletzt und verstört er alles, was uns als hoch und heilig gilt. da bleibt nichts in ordnung, kein stein bleibt an seinem scheinbar angestammten platz. »alles ist trug, ich habe es immer gewußt ...« auch das denken selbst noch, das den trug zu entlarven sich anschickt, entpuppt sich als trug und selbstbetrug. jenseits aller intellektuellen und weltanschaulichen lager hat cioran in seinen aphorismen eine position bezogen, die er selbst als die des zweiflers, des radikalen skeptikers bezeichnet. skepsis, »das ist der rausch der ausweglosigkeit«. in solchen paradoxien treibt sich ciorans denken herum, und man würde es mißverstehen, wollte man ihm seine paradoxien zum vorwurf machen. denn paradoxien sind ja nicht dazu da, um ausgelöscht zu werden, sondern um in ihrer existenz etwas von der paradoxie menschlicher existenz faßbar zu machen.
[ quelle: suhrkamp ]

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cioran, emile michel: mit rumänischem namen emil mihai c., * 1911 in rètinari bei sibiu (hermannstadt) im ungarischen teil der habsburger monarchie, heute rumänien, † 1995 in paris. der spätere philosoph und essayist ist das zweite kind des orthodoxen priesters und späteren erzbischofs von sibiu emilian cioran und seiner frau elvira comaniciu. - schon während seiner zeit als schüler am gymnasium »gheorghe lazwr« in sibiu (1920-1928) wird cioran von anhaltender, zermürbender schlaflosigkeit geplagt, die einerseits in ihm in zusammenhang mit einem allgemeinen unbehagen am dasein die obsession des todes auslöst, ihn andererseits quasi ekstatische zustände erleben läßt. ab 1926 beginnt c. mit seiner ersten phase intensiver philosophischer lektüre und nimmt 1928 sein studium der ästhetik und philosophie an der universität bukarest auf. seine schwerpunkte sind kant, fichte, hegel, schopenhauer, nietzsche, simmel, woringer, wölfflin, spengler, husserl, heidegger, die russischen spiritualisten und die orientalischen mystiker. c.s lehrer sind tudor vianu (1898- 1964), professor für ästhetik und literaturwissenschaft und eine der bedeutendsten rumänischen persönlichkeiten auf diesem gebiet, sowie nae ionescu (1890-1940), professor für logik und metaphysik, der mit seiner philosophie des erlebens einen großteil der generation c.s beeinflußt hat. mit einer diplomarbeit über den »intuitionismus« bergsons beendet c. 1932 sein studium. 1931-1933 nimmt er intensiv am kulturellen und intellektuellen leben in bukarest teil und veröffentlicht seine ersten werke. in dieser zeit beginnt auch seine freundschaft mit mircea eliade. als humboldtstipendiat setzt er 1933-1935 seine philosophiestudien in berlin, dresden und münchen fort. - 1934 wird c.s erstlingswerk »pe culmile disperwrii« (auf den gipfeln der verzweiflung) der preis junger rumänischer schriftsteller verliehen. 1936 arbeitet er als lehrer für philosophie am gymnasium »andrei uaguna« in bratov (kronstadt), wonach er 1937 als stipendiat des bukarester institut français nach paris geht, um eine dissertation über nietzsches ethik zu schreiben. zwischen 1939-1941 erfolgen weitere studienaufenthalte in berlin. die geplante dissertation nimmt c. niemals in angriff; dafür veröffentlicht er bis 1944 weitere fünf bücher in rumänischer sprache. - als nach dem zweiten weltkrieg eine rückkehr nach rumänien für c. nicht mehr in frage kommt, entschließt er sich, in frankreich zu bleiben, wo er, nachdem 1945 sein stipendium zu ende geht, in sehr ärmlichen verhältnissen lebt. um seine integration in die neue umgebung zu beschleunigen, entschließt er sich, fortan in französischer sprache zu schreiben. bereits seinem ersten, 1949 bei gallimard erscheinenden, französischen werk »précis de décomposition« (lehre vom zerfall), das sich entschieden gegen aufklärung und rationalismus wendet, wird ein jahr später der »prix rivarol« verliehen. von nun an lehnt c. alle auszeichnungen ab, die ihm zuerkannt werden, so 1960 den »prix combat«, 1977 den »prix roger nimier« und 1988 die von der französischen akademie angebotene höchstdotierte auszeichnung, den »grand prix morand«. seinen werken gebühre kein beifall, meint c. da sie allesamt werke der negation seien, negiere auch er selbst jede auszeichnung. von 1960 bis zu seinem tod lebt c. in einer mansardenwohnung im quartier latin. - äußerst unterschiedliche, kulturell divergierende, ihrem wesen nach jedoch miteinander verwandte philosophische tendenzen prägen c.s denken. die spanische mystik, das deutsche mittelalter, die widersprüchlichkeit des pascalschen menschen, die verzweiflung kierkegaards, nietzsches negativismus und vitalismus, der russische spiritualismus, die endzeitstimmung eines spengler, keyserling, klages oder barrès, die lebensphilosophie seines rumänischen lehrers nae ionescu sind dabei nur die wichtigsten einflüsse. indem er sich gegen jede form von systemen wendet, spricht er einem individualismus das wort, das erst im entgrenzten erleben zu sich selbst findet. auch wenn c.s leben und werk tiefe mystische züge tragen, entscheidet er sich zwischen den zwei möglichkeiten, der verzweiflung angesichts der erkenntnis philosophisch zu entkommen: der mystik und dem skeptizismus, für den letzteren. dieser schritt kommt für ihn einem »erkennen ohne hoffnung« gleich. dabei richtet sich sein skeptizismus nicht allein gegen sprache, philosophie, geschichte und religion, sondern in einem beinahe selbstzerstörerischen duktus auch gegen sich selbst. im laufe der jahre entwickelt sich c.s philosophie auf eine stoische position zu, deren mittelpunkt die beschäftigung mit dem von leid, tod und dem bösen geprägten dasein des menschen bildet. aufgrund seiner ideen und seiner eigenwilligen persönlichkeit kann c. als bedeutendster skeptiker und radikalster kulturkritiker des 20. jahrhunderts angesehen werden.

[ quelle: biographisch-bibliographisches kirchenlexikon ]



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